Künstler

Kaum eine Woche auf der documenta, in der nicht einer der ausstellenden Künstler Kassel besucht. Wir haben sie getroffen und mit ihnen über ihre Arbeit gesprochen.

Die stille Kunst der Sprache

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Imogen Stidworthy stellt auf der documenta aus 

Die Leinwand zeigt den Hinterkopf eines Mannes mit wenigen grauen Haaren. Vor sein Gesicht hält er einen Taschenspiegel, in dem er seinen  Mund beobachtet. „I…h…h…h…hate“ kommt es zögernd über seine Lippen. Die Worte hallen durch den Ausstellungsraum des Fridericianums. Das „t“ klingt hart. Mit dem „h“ hat er Schwierigkeiten.

Wie gebannt schaut eine Frau auf die Leinwand. Dabei kennt niemand die Bilder besser als sie. Sie selbst hat sie installiert: Imogen Stidworthy. Die Videokünstlerin ist schlank und ihre Unterarme sind mit Sommersprossen gesprenkelt. Ihr Werk „I hate“ handelt von dem Verlust und Wiedererlangen von Sprache. „Das ist eine Erfahrung, die wir alle einmal machen,“ sagt Stidworthy. „Jedes Mal wenn wir ins Ausland gehen oder wir den Faden verlieren und nach Worten suchen.“ Dass ihr manchmal die Worte fehlen, ist kaum zu glauben. Sie spricht schnell und ohne Pause.

Stidworthy, Jahrgang 1963, ist in London aufgewachsen. 1992 ging sie zum Studium an die Jan van Eyck Akademie für Bildende Kunst und Design nach Maastricht. Ins Ausland  zog es die Künstlerin, weil sie einen neuen sprachlichen Zugang zu ihrer Arbeit finden wollte: „Ich konnte über mein Werk sprechen und es machte auch irgendwie Sinn, aber ich spürte, dass es nicht den Punkt traf.“ Die Konfrontation mit der fremden Kultur und vor allem mit der neuen Sprache wurde zu einer Auseinandersetzung mit dem kulturellen Gebrauch und Wert von Sprache. Seitdem zieht sich das Thema durch ihre Installationen.

Der Mann auf der Videoleinwand ist der Künstler Edward Woodman, der  zusammen mit einer Sprachtherapeutin wieder Sprechen lernt. „Die Worte verlieren ihre ursprüngliche Bedeutung“, sagt Stidworthy. Es komme nicht auf die Bedeutung an, die wir in die Worte legen, sondern auf die Technik des Sprechens. Damit werde die Interpretation von Sprache in Frage gestellt.

Heute lebt Stidworthy in Liverpool und Amsterdam. Doch das sind nicht ihre einzigen Erfahrungen mit fremden Kulturen und Sprachen. Mit ihren Werken war sie schon auf vielen internationalen Ausstellungen vertreten. Jüngst waren ihre Video- und Klanginstallationen auf der Biennale in Thessaloniki zu sehen. In Deutschland war die Künstlerin auch schon vor der documenta: 2001 bis 2002 war sie Stipendiatin der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart.

Stidworthy war eine der ersten, die zur documenta 12 eingeladen wurde. Den künstlerischen Leiter der documenta, Roger M. Buergel, lernte Stidworthy 2000 kennen. Jetzt ist sie zum ersten Mal mit einem Werk auf der documenta vertreten.  Kunsthistoriker Ludwig Seyfarth ordnete die Künstlerin in einem Artikel des Online-Kunstmagazins „Artnet“ jüngst den „stillen Teilnehmern“ zu, für die sich niemand interessiere.  Auch wenn der Medienhype ausblieb, Kuratorin Ruth Noack hält viel von Stidworthy. „Ich denke, dass documenta auch die Verpflichtung hat, einem Publikum zu garantieren, dass es Leute zeigt, die in 20 Jahren auch noch gut und wichtig sind“, sagt die Kuratorin.

Von der diesjährigen documenta hat Stidworthy noch nicht viel gesehen, gibt sie zu. Ihr fehlte die Zeit. Beeindruckend finde sie aber das Werk von Artur ?mijewski. Sein Video handelt von ethnischen Konflikten: „Sein Werk hat mich sehr interessiert und ich möchte mehr über seine Arbeit lernen“, sagt Stidworthy begeistert über die Installation im Schlachthof.

„I hate“ ist in einem Raum im linken Flügel des Fridericianums zu sehen. Dort wollte Stidworthy erst gar nicht ausstellen. „Ich glaubte immer, der Künstler könnte das entscheiden“, sagt sie. Dennoch habe die Herausforderung des Raumes ihr auch neue Sichtweisen auf ihr Werk eröffnet.

 Julia Schappert

Interview mit der Installationskünstlerin Imogen Stidworthy

Imogen Stidworthy

livedocumentation: Frau Stidworthy, Sie stellen in diesem Jahr erstmals auf der documenta aus. Worum geht es in Ihrer Installation?

Imogen Stidworthy: Also, ich habe eine Installation aus mehreren Elementen geschaffen, die sich mit Sprechen und Sprache befasst und mit der Beziehung zwischen Sprache und Bild. Es geht besonders um die Beziehungen zwischen Sprache und Selbstverständnis. Meine Installation zeigt einen sehr intimen Prozess zwischen einer Sprachtherapeutin und einem Mann namens Edward Woodman. Er leidet an einer Gehirnschädigung, die sich auf das Sprachzentrum auswirkt. Vor sieben Jahren hatte er einen Unfall. Er lernt jetzt wieder, Wörter verständlich auszusprechen.

livedocumentation: Es sind auch Fotos des Londoner Bahnhofs King’s Cross zu sehen, die Edward Woodman gemacht hat. Was hat es damit auf sich?

Stidworthy: Als ich in seinen Therapiesitzungen saß und seine Fotos ansah, habe ich eine sehr interessante Beziehung zwischen den Tönen und Wortformen, an denen er arbeitet, und dem Prozess von Abriss und Wiederaufbau auf der Baustelle entdeckt. Edward versucht, Töne und Worte zu perfektionieren. Das ist ein sehr körperlicher Vorgang. Er artikuliert sehr genau. In der Installation gibt es also eine Reihe von Elementen, die alle gewissermaßen Fragmente von etwas darstellen, das wahrscheinlich nicht ganz sein kann. Das einzige, was die einzelnen Elemente vervollständigen kann, ist die Verbindung unter ihnen. Der Betrachter muss diese Verbindung herstellen. Und das ist eine Reflektion der Erfahrungen, die Edward gemacht hat und die jeder von uns macht, wenn Sprache zu zerbrechen beginnt.

livedocumentation: Warum zeigen sie Herrn Woodman, wie er “I hate” (Ich hasse) sagt?

 Stidworthy: Weil es ein so einmaliger, starker, definierbarer Satz ist. Hört man die Wiederholung des Wortes, sieht man, wie es ein körperliches Objekt zwischen der Sprachtherapeutin und Edward wird. Man fühlt sehr schnell, dass die Definition, die man mit diesem Wort verbunden hat, instabil wird. Schließlich beginnt sie, zu verrutschen. Es fängt an, alle möglichen unterschiedlichen Dinge zu bedeuten.

livedocumentation: Wann haben Sie begonnen, sich mit Sprache und der Frage auseinanderzusetzen, was passiert, wenn man seine Sprache verliert? Und warum haben sie damit begonnen?

Stidworthy: Ich habe wahrscheinlich 1992 damit begonnen, als ich England verließ und begann, in Holland zu studieren. Ich ging dorthin und stellte meine eigene Art, über meine Arbeit zu sprechen, zunächst einmal in Frage. Da wurden mir die Symptome einer nicht zufriedenstellenden Sprache deutlich bewusst. Ich konnte zwar über meine Arbeit sprechen und es schien auch eine schlüssige Geschichte zu sein, aber es fühlte sich nie so an, als würde ich wirklich den Nagel auf den Kopf treffen. Der Umzug in einen fremden Sprachraum, raus aus meinem kulturellen Zusammenhang, setzte einen Prozess des In-Frage-Stellens in Gang. Ich stellte meinen persönlichen Sprachgebrauch in Frage aber auch weit gefasste kulturelle Bräuche, Bedeutungen und Werte, die an Artikulation gebunden sind.

livedocumentation: Ist es das, was Sie auch den Besucher fühlen oder erleben lassen wollen?

Stidworthy: Ich denke … sicherlich zu einem gewissen Grad. Es ist aber etwas, das wir alle ohnehin erleben. Wir erleben es jedesmal, wenn wir ins Ausland gehen. Wir erleben es, wenn wir den Faden verlieren oder wenn uns ein Wort zu einem Gedanken nicht einfällt. Wir erleben es, wenn wir wieder und wieder über das nachdenken, was jemand gesagt hat. Dann beginnen wir zu erkennen, dass etwas plötzlich viele verschiedene Bedeutungen haben kann und dass man an feste Bedeutungen und feste Identitäten nicht mehr glauben kann. Man kann ihnen nicht mehr vertrauen.

livedocumentation: Was bedeutet es Ihnen, Teil der documenta zu sein?

Stidworthy: Es bedeutet Unterschiedliches. Zunächst einmal bin ich natürlich sehr glücklich, teilzunehmen. Außerdem interessiere ich mich sehr für die Zusammenhänge. Ich habe noch nicht die gesamte Ausstellung gesehen. Heute morgen hatte ich nur Zeit für die Hälfte der Aue. Ich denke, es ist sehr aufregend. Es gab sehr aufregende und konfrontative Entscheidungen und Herangehensweisen. Ich kann nur für mich sprechen. Andere Künstler haben möglicherweise andere Erfahrungen gemacht, aber ich fand die Arbeit wirklich extrem ergiebig und interessant.

livedocumentation: Und als Besucherin?

Stidworthy: Ich bin kaum Besucherin gewesen. Ich kann wirklich keine Besucherin sein. Nein, ich bin keine Besucherin.                                                                                                                                               

   Interview: Julia Schappert und Britta Schultejans

 

Geschichten aus der Kiste

Die Uhr, eine Brille und ein Adressbuch – zweckdienliche Gegenstände, oft auch mit Erinnerungen verbunden. Es sind Gegenstände, die einige Besucher von „Makin Memories Matter – Erinnerungen Raum geben” mitnehmen würden, müssten sie heute aufbrechen. Die Ausstellung war am Donnerstag im Kulturzentrum Schlachthof zu sehen. Die Besucher können gut nachvollziehen, wie es den älteren Damen damals erging, als sie ihre Koffer packten und ihre Heimat zurückließen. Gut 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges stellen die Künstlerinnen Anna Magdalena Becker und Raissa Androkh Holzkisten aus, die ihre völlig unterschiedlichen Lebensgeschichten erzählen. So unterschiedlich die Kisten auch gestaltet sind, sie handeln beide von einer langen Reise, die schließlich in Kassel endet.

Anna Magdalena Becker hat die Kiste mit ihrer Lebensgeschichte gefüllt, um ihre Erinnerungen weiterzugeben. Diese Erinnerungen liegen jetzt in einer ausrangierten Munitionskiste der Bundeswehr Hildesheim.

Flucht und Vertreibung, Ausgrenzung und Leid haben Becker in den Nachkriegsjahren geprägt. Sie ist 1922 in Hartzfeld in Rumänien geboren. “Meine Familie wurde von den beiden Kriegen auseinandergewirbelt” berichtet sie. “Bei Kriegsende habe ich mich wochenlang im Keller versteckt. Erst einige Zeit später, als die Kommunisten das Ruder in der Hand hatten, hat sich alles mehr oder weniger normalisiert.” Becker heiratete und bekam einen Sohn. 1991 kam sie mit ihrem Sohn und ihren Enkelkindern nach Kassel.

In den Kisten finden sich dennoch einige Dinge, die die Frau zum Schmunzeln bringen, während sie erzählt.  Die Besucher bittet sie, ein kleines Büchlein mit Landschaftsbildern aus Rumänien durchzublättern. „Rumänien ist ein wunderschönes Land”, sagt sie. „Die Hirten und die Bauern in Rumänien sagen: Als der liebe Gott über die Welt geflogen ist, als am siebten Tag sein Werk vollendet war, da hat er die Schönheiten der Welt verteilt. Er hatte sie alle in einem großen Sack, und als er über Rumänien flog, ist der Sack gerissen. Und deshalb sind sehr viele schöne Berge und Seen und das Schwarze Meer nach Rumänien heruntergefallen.” Sie lacht.

Während in ihrer Kiste ein roter Wollfaden die vielen Punke auf einer Landkarte verbindet, hat Raissa Androkh ihre Erinnerungskiste mit Dingen gefüllt, die sie an ihre ersten drei Jahre in Deutschland erinnern. 2000 kam sie nach Großenrode in Niedersachsen, nachdem sie 68 Jahre in der Ukraine gelebt hatte. Ein Bildchen vom Stadtwappen Großenrode und Popovs Lehrbuch „Deutsch in 13 Tagen” hat sie in die Kiste geklebt. 2003, kurz nach dem Tod ihrer Mutter, kam Androkh nach Kassel.

Nicht nur Anna Magdalena Becker und Raissa Androkh haben Erinnerungskisten gestaltet. 2004 machten sich Menschen aus Tschechien, Spanien, Rumänien, Polen, Finnland, Deutschland und Großbritannien auf, Munitionskisten mit ihren Geschichten zu füllen. Bei der Gestaltung behilflich waren ihnen Künstler. „Die Idee kam vom europäischen Erinnerungsnetzwerk”, sagt Manfred Zalfen, der für die Organisation der Ausstellung im Schlachthof verantwortlich war. 120 Kisten seien insgesamt ausgestaltet worden. Für eine Wanderausstellung kamen im März 2005 zehn Kisten zurück nach Kassel. Ihre Reise führte sie von dort aus weiter nach Posen, Prag, Klausenberg, Kotka, London und Barcelona. „Einige Kisten waren sogar in Vancouver, Brüssel und Paris,” betont Zalfen.

In Kassel wollen Schülerinnen der Klasse 9c der Carl-Schomburg-Schule die Idee weitertragen. Die Mädchen kommen aus der Türkei, Indien, Vietnam, Bosnien und Serbien. Für die Ausstellung im Schlachthof hatten sie auch Kisten mit ihren Erfahrungen gefüllt.

Carina Körner