Radio

Selbstversuch mit Radiokunst

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Erklärende Schilder sucht man in der documenta vergebens, jeder muss einen persönlichen Zugang zu den Werken finden. Doch funktioniert dieses Prinzip? Ein Selbstversuch sollte Klarheit schaffen: Ein Raum, zwei Journalisten, dreißig Minuten. Von 15.35 Uhr bis 16.05 saßen Michael Handel und Carla Neuhaus in der Installation “Radio” von Iñigo Manglano-Ovalle. Und versuchten einen Zugang zu bekommen zu UV-Licht, Wellenrauschen und einem stummen Radioapparrat.

Protokoll von Carla Neuhaus

15.35 Uhr

Die erste Frage, die ich mir stelle ist: Wo kommt das Licht her? Der gesamte Raum ist von einem orangeroten Licht erfüllt. Kahler Betonboden, kahle Wände. Sieht aus wie ein Rohbau auf einer Baustelle. Lampen gibt es keine. Die Farbe im Raum wird durch das Tageslicht erzeugt, das durch die große Fensterwand fällt. Das Glas ist mit Folie überzogen. Im Ohr: Mal laute, mal leise Geräusche – ähnlich wie ein Rauschen. Es erinnert an eine laute Klimaanlage. Oder eine alte Telefonleitung.

15.40 Uhr

Leute kommen in den Raum. Ihr erster Blick fällt auf die Fenster. Sie wundern sich wohl über das Licht.

15.43 Uhr

Je nachdem, wieviel Sonnenlicht von draußen in den Raum dringt, umso heller oder dunkler wird das gelb-orange-rote Gemisch. Es erinnert an Sonnenuntergang. Durch den Türrahmen, der den Ort von den anderen Ausstellungsräumen trennt, scheint dagegen blaues Licht zu strömen.

15.46 Uhr

Im Ohr: Immer noch Rauschen in der Leitung. Das stört. Auch das Licht irritiert. Unruhe!

15.50 Uhr

Eine Frau fragt, ob wir Teil der Installation sind. Vielleicht ja.

15.52 Uhr

Das schwarze Radio, das auf dem Boden im Ausstellungsraum steht, ist stumm. Die Geräusche kommen aus den in den Ecken angebrachten Lautsprechern.

15.54 Uhr

Der Raum schluckt alles - nur die Töne aus den Lautsprechern nicht.

15.57 Uhr

Vielleicht soll der Raum ja eine uns unbekannte Welt beschreiben? Oder soll das Radio dabei die einzige Verbindung symbolisieren, die wir zu dieser Welt haben?

16.00 Uhr

Oder soll das Kunstwerk einen daran erinnern, dass es noch viel mehr außerhalb unseres Horizonts gibt, dass wir nicht wissen?

16.02 Uhr

Die Atmosphäre im Raum wird durch Schatten von draußen beeinflusst: Äste, die sich im Wind bewegen und Wolken, die immer neue Formen annehmen. Durch die Fenster wirkt die Welt “draußen” eigenartig orange.

16.03 Uhr

Das Kunstwerk verwirrt mich. Eine sinnvolle Erklärung fällt mir nicht ein. Ich suche nach Anhaltspunkten. Ist es nur das Spiel mit Farben und Tönen, das für sich steht und keiner Erklärung bedarf?

16.05 Uhr

Der Eindruck der wohl bleiben wird, wenn ich den Raum wieder verlasse, ist Unruhe. Ein wenig wie der Ausschnitt aus einer uns unbekannten Welt.

Protokoll von Michael Handel

15.35 Uhr

In rosarotes UV-Licht getaucht, steht auf kaltem Boden ein Radioapparrat. Auf der einen Seite des Raumes befindet sich eine Glasfront. Durch die Fenster blickt man auf den Park. Im Raum ist permanent ein Geräusch zu hören, das an einen fahrenden Zug in der Ferne erinnert. Aus den Lautsprechern, die etwa auf halben Weg zur Decke angebracht sind, ertönt hin und wieder ein Rauschen, das ein Funkspruch sein könnte.

15.46 Uhr

Erster Interpretationsversuch: In der heutigen Zeit hat das Radio nicht mehr als ein Hintergrundbrummen zu bieten, unterbrochen nur von einzelnen, unverständlichen Funksprüchen. Es kommt nicht mehr an bei den Menschen, es steht stumm an der Seite der Gesellschaft, wie in diesem Raum. Aber die Radiomacher wollen das nicht wahrhaben und sehen weiterhin alles durch die rosarote Brille. Und so stirbt das Radio weiter vor sich hin.

15.49 Uhr

Ersten Interpretationsversuch noch mal durchgelesen. Das kann der Künstler nicht gemeint haben. Dem documenta Publikum scheint „Radio” zu gefallen. Viele bleiben stehen, setzen sich sogar mit auf den doch recht harten Boden.

15.51 Uhr

Wieder ein erfolgloser Funkspruch. Vielleicht ist dieser vorbeifahrende Zug im Hintergrund auch die Gesellschaft an sich. Der ewige Strom der Menschen, der an uns vorbeirauscht.

15.52 Uhr

Diese rosa UV-Licht-Atmosphäre vermittelt irgendwie die Geborgenheit eines Mutterleibes. Es bildet einen abgeschlossenen Raum. Die Radioattrappe in der Mitte ist das Zentrum dieses Leibes.

15.53 Uhr

Zweiter Interpretationsversuch: Die Gesellschaft rauscht an uns vorbei und nur das Medium Radio bietet einen geschützten Raum.

15.55 Uhr

Zweiten Interpretationsversuch durchgelesen. Das hat der Künstler wohl auch nicht gemeint. Inzwischen sind wir auch in paar Mal fotografiert worden. Vielleicht beschwert sich heute Abend jemand, dass wir im documenta-Katalog vergessen wurden.

15.58 Uhr

Gedanken über UV-Licht: Kommt von der Sonne, ist ziemlich schädlich für die Haut. Mit Klimaerwärmung und Ozonloch wird das alles nur noch schlimmer.

15.59 Uhr

Dritter Interpretationsversuch: Die Medien sind ein ständiges Hintergrundrauschen in unserer Gesellschaft. Sie sind allgegenwärtig, keiner kann sich entziehen. Hin und wieder versuchen sie, der Gesellschaft etwas zu vermitteln, aber diese versteht sie nicht. Die Welt, die von den Medien erzeugt wird, ist eine rosarote. Ohne Probleme und mit schönem Blick auf Schäfchenwölkchen. In Wirklichkeit besteht diese Welt der Medien allerdings aus schädlichen Bestandteilen (UV-Licht) und wird den Menschen am Ende töten.

16.01 Uhr

In der Fensterfront befindet sich eine Tür, die als Notausgang dient. Zu erkennen ist dies am grünen Schild mit Laufmännchen und Pfeil, das über der Tür hängt. Gibt es einen Notausgang aus der Welt der Medien? Kann man ausbrechen in die wahre Welt? Auf die Terrasse gehen, aus dem UV-Licht heraus und sehen, dass ein Baum grün und nicht rosa ist?

16.02 Uhr

Die Radioattrappe in der Mitte zieht durch die Kahlheit des Raumes alles Aufmerksamkeit auf sich. Der Sound kommt allerdings aus Lautsprechern, die am anderen Ende des Raumes angebracht sind. Während das Gerät offen zu sehen ist, ist die Botschaft subtiler, hinterrücks wird sie uns infiltriert.

16.04 Uhr

Letzter Interpretationsversuch: Die Medien sind vordergründig sehr nett anzusehen und gauckeln uns eine rosarote Welt vor, in der alles möglich ist. Hinterrücks versuchen sie aber durch ein unaufhörliches Rauschen uns von ihrem Inhalt zu überzeugen. Zu entkommen ist dem nur durch den Notausgang.

16.05 Uhr

Ende des Selbstversuches. Werk verstanden? Keine Ahnung. Aber es war spannender als manches Radioprogramm.

Was andere meinen:

Wolff von Rechenbach (Journalist):Wer den Raum betritt, den Inigo Manglano-Ovalle für sein Werk “The Radio” verwendet hat, kämpft mit der Übelkeit. So sehr widerspricht der rote Raum den gewohnten Wahrnehmungsgewohnheiten.”

Artcontent.de (Kunstforum): „Eine spannende Installation: minimalistisch und kontrastreich in der formalen Setzung, irritierend und subversiv in der inhaltlichen Aussage, überzeugend in der künstlerischen Umsetzung.”

Hessischer Rundfunk: „Licht und Klang beeinflussen den Eindruck und dringen in die Grenzbereiche unserer Sicht und unseres Gehörs ein, wodurch ein beunruhigender und verwirrender Effekt entsteht.”

Carla Neuhaus und Michael Handel